Klimawandel - Klima wandeln

Schwechater Künstler Max Rauch gestaltet zum 9. Mal ein riesiges Fastentuch;
intensiver Austausch zwischen Pfarrgemeinde und ihm
führt die inhaltlichen Linien zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.

Zur Entstehung

Seit vielen Jahren ist es gut eingeführt: Ab dem Herbst jeden Jahres beginnen die Vorüberlegungen – dann folgt eine mehrwöchige, intensive Gesprächsphase und dann die Zeit der Umsetzung… Seit Jahren gestaltet der Schwechater Künstler Max Rauch (selbst u. a. Pfarrgemeinderat und engagierter Mitarbeiter im Sozialprojekt Zirkelweg der Pfarre Schwechat) ein Fastentuch für die und vor allem auch mit der Pfarre Schwechat. Quer durch die Medienlandschaft erregt dieser Vorgang alljährlich große Aufmerksamkeit – 2007 hat „gottesdienst“, die mit Abstand bedeutendste Fachzeitschrift für Liturgie im deutschsprachigen Raum, diesem Schwechater Vorgang 2 Sonderseiten gewidmet.

„Die inhaltliche Auseinandersetzung in verschiedensten Gruppen & Teams der Pfarre durch viele Wochen ist ein höchst spannender Prozess!“, erzählt Pfarrer Gerald Gump vom 9. in dieser Form entstandenen Fastentuch. „Und dann ist’s immer wieder großartig, wie produktiv unser Max auf die verschiedenen Ideen eingeht und sie in seine Pläne integriert!“ Ein oftmaliger Austausch zwischen dem Gesprächsprozess in der Pfarre über das „was bei den Menschen im Raum steht“ und den künstlerischen Ideen von Rauch bildet den Boden für das alljährliche Gesamtkunstwerk, welches dann die ganz Fastenzeit über die zum Bild gewordene Impuls-Welt vor Augen hält.

Wochenlang werden in der Pfarrgemeinde Visionen und Ideen gewälzt, was für die bevorstehende Fastenzeit „ansteht“! Im Blick auf die vorgesehenen Bibeltexte der Fastensonntag, auf das, was allgemein gesellschaftlich „im Raum steht“, wie auch die konkreten Menschen bewegt, wird intensiv nachgespürt & geplant. Der Künstler Rauch verarbeitet diese Ideen in einen ersten Entwurf, der wieder gemeinsam angesehen, überlegt und verändert wird; oftmals geht es da hin und her – allgemein wird darüber gesprochen, in Pfarrgemeinderat, Vorstand, Liturgiekreis und Pastoralteam werden die Ideen konkretisiert.

In den letzten Tagen vor dem Aschermittwoch wird der Endstand dann umgesetzt – was bei den gewaltigen Ausmaßen von 5 x 5 Metern die nächste, große Herausforderung ist. Ab Aschermittwoch hängt das Tuch dann 40 Tage bis zur Osternacht in der Schwechater Pfarrkirche und hält die wesentlichen Linien der Fastenzeit damit laufend vor Augen. Und: Alle Tücher der letzten Jahre sind quer durch Österreich „unterwegs“ – es gibt schon eine „Warteliste“, welches Tuch in welchem Jahr in welche Pfarre vergeben werden kann.

Zu den inhaltlichen Impulsen

Der Grundgedanke wird schnell spürbar: Es geht um paradiesische Zustände. Die herausfordernde Frage lautet, wie paradiesisch und lebensfördernd das Klima ist, in dem wir uns befinden, das zwischenmenschliche, wie auch das tief in meinem Herzen, das meteorologische, wie auch das Klima in Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche oder Politik?

„Klima“ – Wikipedia definiert es (neben dem meteorologischen Begriff) als „Synonym für die an einem Ort herrschenden Bedingungen“. Klima hat Einfluss – vordergründig keinen direkten, im Ganzen gesehen aber einen gewaltigen.

Künstler können komplexe Inhalte in aussagekräftige Bilder fassen. So war das schon im Alten Israel: Die Ahnung von einem kreativ schaffenden, das Leben in seiner bunten Vielfalt liebenden Gott, der hinter aller Wirklichkeit steht und sich in ihr ausdrückt – dieser Blick wurde in 2 wunderschöne Paradieserzählungen gefasst (Gen 1-2). Max Rauch hat aus diesen Visionen unser heuriges Fastentuch geschaffen: Ein paradiesisches Klima, wo Tiere und Pflanzen gedeihen, das Leben sich kreativ entwickelt.

„Die Schlage war schlauer…“ (Gen 3,1) – so erzählen biblische Bilder weiter was passiert, wenn an den natürlichen Grundlinien des Lebens vorbei ein eigener, vorgeblich „g’scheiterer“ Weg beschritten wird. Das selbst gemachte Plastik-Paradies rechts drückt es aus: Die Bäume bringen zwar wohlgeordnete Blätter hervor, doch was sind solch selbst gemachte Lebensumstände gegen das vitale Entfalten der Schöpfung?! Drastisch & bildhaft werden uns einerseits die lebensfördernden und andererseits die den Lebensatem raubenden Klimata vor Augen gestellt.

Die Österliche Bußzeit lädt ein, das eigene Leben ehrlich anzuschauen. Das Fastentuch regt an, meinem Lebensklima nach zu spüren: Welche Umstände prägen oder hetzen mein Inneres – wo würden Entschleunigung oder Lebenstiefe neue Chancen bieten? In welchem Umfeld entwickeln sich meine Lebensbeziehungen (Partnerschaft, Familie, engst Vertraute): Was lässt diese tief aufblühen – welch klimatisches Gift tut seine schleichend zerstörerische Wirkung? Das Tuch konfrontiert uns aber auch mit unseren größeren Lebenswirklichkeiten: Soziales oder weltpolitisches Klima, Umwelt und Gerechtigkeit, Gottesbeziehung, Kirchen- und Wirtschaftsklima. Auch hier wäre diese Zeit die Chance zu erkennen, wo es krankt – nicht so wie bei einer deutlich sichtbaren Wunde, sondern wie eine radioaktive Umgebung schleichend das Lebensklima vergiftet.

Fastenzeit, die Chance, in den vielfältigen Lebensbereichen neu anzufangen, das Leben wieder aufblühen zu lassen…

Der offizielle Text zum „Schwechater Fastentuch 2009“:

Klimawandel – Klima wandeln

Paradiesisches Klima – Welt und Leben blühen auf und gedeihen: So hat Gott die Welt gedacht. Der Fuchs kratzt sich wohlig hinter dem Ohr, die Ente entsteigt dem kühlenden Nass, der Wolf wohnt beim Lamm (Jes 11,6) und der Affe genießt seinen Platz mitten in der Fülle bunter Früchte, die dem tragenden Baum entwachsen.

Der in der Mitte eher zart angedeutete „Baum des Lebens“ bildet Fundament und oben auch Schutz, er leitet die Säfte des Lebens, die letztlich Blüten & Früchte hervorbringen… - paradiesisches Leben, wie Gott es für die Erde will! Im Lebensbaum drückt sich in Jahresringen seine Lebens-Geschichte aus: „Gute“ Wetterbedingungen, aber auch Unwetter & Klimastörungen lassen sich dort ablesen. Bei starken Fundamenten & Kräften tragen solcherart Herausforderungen zur Stärkung bei – und erwirken eine unverwechselbare Prägung!

„Die Schlage war schlauer…“ (Gen 3,1) – so erzählen biblische Bilder was passiert, wenn aus dem Grundmuster des Lebens ausgeschert, ein eigener, „g’scheiterer“ Weg begangen wird. Das domestizierte und selbst erzeugte Paradies auf der rechten Bildseite bringt zwar gleichmäßig wachsende Eigenproduktionen hervor, doch wird paradiesisches Lebensklima durch selbstgezüchtetes Leben ersetzt, weit am kreativ-schöpferischen Wirken Gottes vorbei. „Was tun?“ – so die fragende Gestik des erstmals selbst ins Bild gemalten Künstlers Max Rauch. Die Welt entgleitet immer mehr in die Sackgassen selbstgemachter Plastikparadiese – und eine Kleinigkeit lässt dann dieserart Kartenhäuser in sich zusammenstürzen (vgl. z. B. Finanzkrise).

In Jesus ist das Kreuz zum neuen „Baum des Lebens“ geworden. Jesus verweigert sich den alltäglichen Dynamiken, die ins Unheil ziehen, er durchbricht in Wort & Tat ihre Kreisläufe – und trägt es bis zum Letzten durch, bis zur letalen Durchkreuzung seines irdischen Lebens. Dadurch „ist es möglich“: Es ist ein neuer Anfang geschenkt, dass „paradiesisches Leben“, von ihm begonnenes „Reich Gottes“ auch für uns Wirklichkeit wird. Durch die Taufe sind wir dort schon längst hinein geboren; die Österliche Bußzeit als Chance, dass sich solch paradiesisches Klima neu ausbreitet, das Boden für ein „Leben in Fülle“ (Jh 10,10) ist:

  • tief in mir selbst
  • in unserem Leben mit Gott
  • in unseren Beziehungen & Gemeinschaften
  • in unserer Mitwelt („Schöpfung“, „Umwelt“)
  • in den großen Zusammenhängen der Welt (Gerechtigkeit, Frieden, …).

Die Österliche Bußzeit als Neuanfang, dieses von Gott geschenkte „Klima des Lebens“ zu entfalten, kultivieren und genießen…
fastentuch 2009

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