Schwechater Fastentuch 2011

Er verschafft deinen Grenzen Frieden! (Ps 147,14)
Grenzerfahrungen: Lebensherausforderungen und bergender Lebensraum

Schwechater Künstler Max Rauch gestaltet zum 11. Mal ein riesiges Fastentuch; intensiver Austausch zwischen Pfarrgemeinde und ihm führt die inhaltlichen Linien zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.

Zur Entstehung

Dieser intensive Prozess läuft nun schon das 11. Jahr: Ab dem Herbst jeden Jahres beginnen die Vorüberlegungen – dann folgt eine mehrwöchige, intensive Gesprächsphase und dann die Zeit der Umsetzung… Seit Jahren gestaltet der Schwechater Künstler Max Rauch (selbst u. a. Pfarrgemeinderat und engagierter Mitarbeiter im Sozialprojekt Zirkelweg der Pfarre Schwechat, wie auch anderen Pfarrbereichen) ein Fastentuch für die und vor allem auch mit der Pfarre Schwechat. Quer durch die Medienlandschaft erregt dieser Vorgang alljährlich große Aufmerksamkeit – 2007 hat „gottesdienst“, die bedeutendste Fachzeitschrift für Liturgie im deutschsprachigen Raum, diesem Schwechater Vorgang 2 Sonderseiten gewidmet.

„Die inhaltliche Auseinandersetzung in verschiedensten Gruppen & Teams der Pfarre durch viele Wochen ist ein höchst spannender Prozess!“, erzählt Pfarrer Gerald Gump vom 11. in dieser Form entstandenen Fastentuch. „Und dann ist’s immer wieder großartig, wie produktiv unser Max auf die verschiedenen Ideen eingeht und sie in seine Pläne integriert – und dann wieder auch zu verwerfen bereit ist, wenn aus den unzähligen Gesprächen wieder eine neue Richtung entsteht!“

Ein oftmaliger Austausch zwischen dem Gesprächsprozess in der Pfarre über das „was bei den Menschen im Raum steht“ und den künstlerischen Ideen von Rauch bildet den Boden für das alljährliche Gesamtkunstwerk, welches dann die ganz Fastenzeit über die zum Bild gewordene Impuls-Welt vor Augen hält.

Wochenlang werden in der Pfarrgemeinde Visionen und Ideen gewälzt, was für die bevorstehende Fastenzeit „ansteht“! Im Blick auf die vorgesehenen Bibeltexte der Fastensonntage, auf das, was allgemein gesellschaftlich „im Raum steht“, wie auch die konkreten Menschen bewegt, wird intensiv nachgespürt & geplant. Der Künstler Rauch verarbeitet diese Ideen in einen ersten Entwurf, der wieder gemeinsam angesehen, überlegt und verändert wird; oftmals geht es da hin und her – allgemein wird darüber gesprochen, in Pfarrgemeinderat, Vorstand, Liturgiekreis und Pastoralteam werden die Ideen konkretisiert.

In den letzten Tagen vor dem Aschermittwoch wird der Endstand dann umgesetzt – was bei den gewaltigen Ausmaßen von 5 x 5 Metern die nächste, große Herausforderung ist. Ab Aschermittwoch hängt das Tuch dann 40 Tage bis zur Osternacht in der Schwechater Pfarrkirche und hält die wesentlichen Linien der Fastenzeit damit laufend vor Augen. Und: Alle Tücher der letzten Jahre sind quer durch Österreich „unterwegs“ – es gibt schon eine „Warteliste“, welches Tuch in welchem Jahr in welche Pfarre vergeben werden kann.

Zu den inhaltlichen Impulsen

Der Grundgedanke wird schnell spürbar: „Grenzen“ in ihrer Vielschichtigkeit bilden die thematische Herausforderung – und „Grenzen“ haben je nach Person einen unterschiedlichen Klang.

Im rechten unteren Teil drückt die Darstellung der Begegnung Jesu mit der Samariterin den abgegrenzten Raum einer lebendigen Begegnung aus. Jesus eröffnet einen heilsamen Raum – dadurch kann die Frau sich öffnen, ihr „Herz bei Jesus ausschütten“ und neue Kraft sammeln ? Grenzen, die jede/r von uns braucht, dass sich Leben, Beziehungen und gesundes Mensch-Sein entwickeln können.

Doch es gibt auch die andere Seite: Abschottende Grenzen im äußeren und inneren Leben der Menschen. Hier gilt es dagegen anzurennen – sie in der Kraft Gottes zu überwinden, wie die Symbolgestalt links oben ausdrückt. „Oft wissen wir nicht mehr weiter und sehen keinen Ausweg. Da heißt es dann sprichwörtlich: ‚Raffe dich auf, spring über deinen eigenen Schatten!‘ Dein Gott wird dir dabei helfen.“ – so die Originalworte des Künstlers Max Rauch dazu.

„Doch letztlich ist die Überschrift richtungsweisend“, fasst Pfarrer Gerald Gump die inhaltliche Ausrichtung zusammen. „Es geht um einen ‚friedvollen‘ Umgang mit beiden Ausformungen von Grenzen – um dies wollen wir in dieser Österlichen Bußzeit beten.“

fastentuch 2011

Der offizielle Text zum „Schwechater Fastentuch 2011“:

Er verschafft deinen Grenzen Frieden!
(Ps 147,14)
Grenzerfahrungen: Lebensherausforderungen und bergender Lebensraum
(11. Schwechater Fastentuch – 2011 von Max Rauch)

„Grenzen“ - da kommen bei unterschiedlichen Leuten verschiedenste Gefühle hoch. Bei „Grenzen“ klingen vielfältige Lebensnotwendigkeiten, aber auch Gefahren an.

Da gibt es bergende Grenzen: Es sind die heilsamen Grenzen, die Geborgenheit & Intimität entwickeln lassen, durch sie entstehen Beziehungen & blühen auf, finden Menschen eine gesunde Lebensmitte. Sie geben Halt & Schutz, lassen mich zu lebendigem Mensch-Sein wachsen. Sie werden am Fastentuch in der tiefen, menschlichen Begegnung rechts unten ausgedrückt: Jesus eröffnet der ausgegrenzten Samariterin fern der Menschenmassen einen wohltuenden Raum der Geborgenheit, gemeinsam lassen sie sich auf tiefe Lebensfragen ein – und sie beginnt sich aufzurichten, ihr Herz kann sich öffnen, ihr Leben kommt in heilsame Bewegung. Die „Wasser des Lebens“ (Jh 4,13-15) beginnen zu fließen; ihr Leben beginnt zu heilen. Wer heilvolle Grenzen des Menschseins zieht, dessen Herz wird stark – er kann sich in neuer Tiefe dem Leben widmen.

Dazu bilden abschottende Grenzen den Gegenpol. Oft aus egoistischen Motiven, oft aus Schwäche, Angst oder Verletzung heraus werden sie aufgerichtet. Sie halten andere auf unnatürliche Distanz, grenzen aus und erzeugen künstlich Barrieren, die fehlenden Lebenshalt zu kompensieren suchen. Diese Grenzen finden sich in Vorurteilen und tötender Gesetzesfrömmigkeit, in Rassismen und Gewaltregimen jeglicher Art, aber auch in anderen tiefen Bereichen der eigenen Seele. Auch diese finden sich am Fastentuch – es klingt als gesunder Gegenpol ein Psalm-Vers an: „Mit Dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern…“ (Ps 18,30). Dieser Vers war ein Leitthema in den Freiheitsbewegungen Ostdeutschlands 1989: Geistvolle Visionen können solche Mauern zum Einsturz bringen. Der Bibelvers eröffnet den Blick auf einen Gott, der mich aufrichtet und stark macht, der mir Kraft gibt, die Lebens-Lähmungen zu überwinden, mir hilft, den eigenen Schatten zu überspringen und zu neuen Ufern aufzubrechen.

Zwischen der übersprungenen Mauer und dem vertrauten Geschehen am Jakobsbrunnen gibt es den Alltag mit Wüste und Oasen: Weder schafft die vertraute Heimat in gesunden Grenzen noch das Überspringen negativer Ausgrenzung sofortige & ewige Heilserfahrungen – wir sind am Weg, dazwischen spielt sich unser Leben ab.

Und all diese Erfahrungen bündeln sich in der heilvollen Zusage, die uns die Österliche Bußzeit begleiten wird: „Er, Gott, verschafft deinen Grenzen Frieden!“ (Psalm 147,14) Wir beten vertrauensvoll darum, dass all unsere vielfältigen Grenzen den Geist der Erlösung atmen, der „Schalom“ (= „Friede“ in tiefgehender Hinsicht) von Gottes Heil diese mehr und mehr durchdringt, wir zum „Leben in Schalom / in Fülle“ (Jh 10,10), zur Auferstehung gelangen…


fastentuch 2002

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